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Ich sitze in einem Taxi, einen riesigen Rucksack auf dem Schoß und nähere mich langsam dem „Árbol“. Je näher ich komme, desto aufgeregter werde ich. Bei jedem Haus und jeder Straßenecke, die ich erkenne, hüpft mein Herz. Mich überkommen plötzlich so viele Erinnerungen. Da! Die Schule, von der ich ein Jahr lang jeden Mittag fünf unserer Jungs abgeholt habe. Da ist das Schwimmbad, in dem wir an den Wochenenden so oft schwimmen waren, da der Park, an dem wir am „Día de los niños“ ein Fußballtournier mit dem ganzen Heim veranstaltet haben und bei dem ich als berüchtigte Torhüterin vom piso CUH (meiner Wohngruppe) natürlich dabei war. Und da ist die Bushaltestelle, an der ich bei meiner allwöchentlichen Tour mit Alejandro und Diego (geänderte Namen) zum Familienbesuch umsteigen musste.

Es sind jetzt schon drei Jahre vergangen, seit ich im Árbol meinen Freiwilligendienst angefangen habe. Dabei scheint es noch gar nicht so lange her zu sein, dass ich zum ersten Mal diese Strecke gefahren bin und von einer Horde aufgeregter Kinder und interessierter Jugendlicher empfangen wurde. Schneller als ich es so richtig begreifen konnte, lebte ich mich ein im Árbol, und lernte die gewöhnlichen und die sehr ungewöhnlichen Abläufe dort kennen. Ich durfte erleben, wie mich die Jungs als Teil ihres Alltags und ihres Lebens im Heim aufnahmen und das obwohl ich ankam, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, was es bedeutet in einem Heim aufzuwachsen und dazu noch nur stockend Spanisch sprach. Mein Spanisch ist seitdem deutlich besser geworden, aber das Leben der „chicos“ (Jungs) im Heim richtig nachvollziehen kann ich immer noch nicht. Deswegen bin ich um so dankbarer, dass ich innerhalb eines Jahres meinen Platz im Heim finden konnte und so viele schöne und schwierige Momente mit den Jungs teilen durfte.

Denn beide gab es. Ich will nicht so tun, als wäre es für mich im Heim immer nur einfach gewesen und auch diese Erinnerungen kommen bei meiner Rückkehr wieder hoch: Auseinandersetzungen mit Kindern; stressige Tage, an denen die Arbeitskräfte für die anfallende Arbeit nicht annähernd ausreichten; Ereignisse, die ich gerne mit meiner Familie oder meinen Freund*innen in Deutschland verbracht hätte und oft auch einfach nur das Aushalten der schlimmen Erfahrungen und Lebensgeschichten der Jungs.

Aber das alles hindert mich nicht daran, ein gutes Gefühl zu haben, wenn mich heute jemand nach meinem Freiwilligendienst fragt. Eigentlich hasse Ich die Frage „Und, wie wars in Ecuador?“, weil sie nicht so leicht und schnell zu beantworten ist, aber wenn ich sage „Alles in allem bin ich glücklich, dass ich es gemacht habe“, fühlt sich das ehrlich an.

Denn da war eben auch noch die restliche Zeit mit sehr besonderen Momenten, wie gemeinsame Ausflüge an den Wochenenden, Feste wie Weihnachten und Silvester, ein ausgelassenes Fußballspiel nach einem langen Hausaufgabennachmittag oder ein stolzer Junge, der das kleine Einmaleins endlich auswendig kann.

Und die meiste Zeit war es eben Alltag (soweit man das im trubeligen Árbol so sagen kann). Immer wieder überwältigte mich die Freude darüber, einfach dazuzugehören. Wenn ich den neuesten Erlebnissen der Kinder am Esstisch lauschte, wir die Hausaufgaben gemeinsam durchstanden, ich mit einem Erzieher eine gemütliche Tasse Kaffee trank während die Jungs dank eines spannenden Filmes endlich ein bisschen ruhiger wurden und ich ihnen vor dem Schlafengehen noch ein Märchen vorlas.

Deswegen komme ich jetzt wieder und sitze im Taxi, das gerade um die letzte Straßenecke biegt. Auf ein freudiges Wiedersehen folgen sechs Wochen, die ich im Heim mitlebe und -arbeite, während denen ich Höhen und Tiefen durchlebe und feststelle, wie viel und zugleich wie wenig sich hier verändert hat. Bei meinem zweiten Abschied tröstet mich der Gedanke, dass ich mich trotz aller Veränderungen im Heim zuhause fühle und weiterhin ein Teil des Árbols bin.